
Rogers Brubaker: Geschlechtsidentität. Die Karriere einer Kategorie.
Wien, Mandelbaum Verlag, 2026
Sprache: Deutsch
https://www.mandelbaum.at/buecher/rogers-brubaker/geschlechtsidentitaet/
Rogers Brubaker ist Soziologe an der Universität Kalifornien Los Angeles und hat zwei Jahre als Distinguished Fellow des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen in Wien verbracht, wo auch große Teile des vorliegenden Buches entstanden sind. Es ist parallel auf englisch erschienen.
Brubaker untersucht G-I als soziale Kategorie: das Ding ist in der Welt und wirkt, egal, ob es stimmt oder nicht. Die medizinische, biologische, politische Diskussion um die Grundlagen, die Berechtigung, die Faktizität oder die Ideologie rund um G-I lässt er beiseite. Stattdessen stellt er den Siegeszug der sozialen Kategorie G-I (vornehmlich in der Rekonstruktion ihrer Wirkung in den USA) dar und zeichnet den unglaublichen Siegeszug nach, den sie in der gesamten westlichen Welt angetreten hat.
Bild Quelle: mandelbaumverlag
Das ist ein sinnvolles Vorgehen angesichts der auch politisch hoffnungslos verfahrenen Situation, die einigermaßen sachliche Gespräche zwischen Befürwortern und Gegnern der G-I vollkommen verunmöglicht hat. Die soziale Kategorie existiert zweifellos und sie ist extrem wirkmächtig.
Schon bei den Definitionen gibt es keinerlei Einigkeit: handelt es sich bei G-I um eine angeborene, unveränderliche Eigenschaft der Person, wie die bio-essentialistische Sichtweise vertritt oder um eine Identifikation mit dem Gegengeschlecht, die psychologische oder sozialisationsbedingte Ursachen hat? Was ist überhaupt eine G-I? Hapernd alle Menschen sowas oder nur diejenigen, die in einen inneren Widerspruch zu ihrer körperlichen Verfassung kommen? Was bezeichnet „gender“ (oft genug ja sex) und ersetzt das eine das andere (eher nicht, aber das wiederum trifft auf Widerstand bei den Befürwortern des Gender Konstruktivismus).
Brubaker weicht diesem „Definitionssumpf“ (S.25) klug aus, indem er G-I nicht als „eine Sache in der Welt – nicht als einen inneren Zustand, der sich lokalisieren, messen, sicher erfassen und exakt definieren lässt -, sondern eher als eine Perspektive auf die Welt“ betrachtet.
(S.25/26)
Soziale Kategorien haben folgende Wirkweisen:
> Die Performativität – was kann man in real life damit machen (Geschlechtseinträge ändern. Vorlesungen canceln, Klagen wegen Diskriminierung einreichen, die Verlegung in Frauengefängnisse fordern o.ä.
> Die Produktivität – „die Institutionalisierung der Kategorie rückt neue Arten von Menschen in den Blick, ja, sie erschafft sie sogar: zuerst Transsexuelle, später Trans- und Cisopersonen“ (S.30) und neuerdings auch non binaries und alle möglichen anderen Unterkategorien von „gender“.
> Die Interaktivität – soziale Kategorien interagieren mit den unter sie subsumierten Menschen und verändern in der Folge die Kategorie selbst. Das Beispiel im vorliegenden Zusammenhang ist die Loslösung der Kategorie G-I aus dem medizinischen Kontext in den politisch sozialen mit der Entstehung der Kategorie „transgender“, die sich explizit gegen den medizinischen Frame richtete. Transgender aber wurde vom medizinischen Establishment wieder aufgenommen und „die inoffizielle, anti-institutionelle Kategorie wurde zu einer offiziellen, tief institutionalisierten Kategorie.“ (S. 33). Das nennt Brubaker in Anlehnung an den Wissenschaftstheoretiker Ian Hacking den „Looping Effekt“ interaktiver sozialer Kategorien.
> Die Regulativität -Kategorien bergen Erwartungen in sich, z.B. im klassischen binären System: „so benimmt man sich als Mann oder Frau“. Diese Erwartungen tragen dazu bei, Rechenschaftspflichten einzumahnen und von subtilen bis massiven eine ganze Bandbreite von Sanktionen mit der Erfüllung der Erwartung zu verbinden. War die Transidentität anfangs wohl schon eine abkehrende Gegenbewegung zu dem, was als „Heteronormativität“ bezeichnet wird, hat sich bald eine Art „Transnormativität“ entwickelt, die „echte“ von „unechten“ Transidentitäten unterscheidet.
Das sind sinnvolle Charakterisierungen der derzeit ablaufenden Auseinandersetzungen um das ganze Trans Thema. Sie unterstützen dabei, den analytischen Cool zu behalten und nicht in hechelnden Kontroversen und Aufregungen unterzugehen.
Der größte Teil des Buches besteht aus einer materialreichen Übersicht über die Entwicklungen der Trans Debatte in den USA und Großbritannien. Auch wenn man sich ganz gut in der Diskussion auskennt ist die Lektüre dennoch lohnend, denn der Autor arbeitet sehr gut die großen Unterschiede in den Diskursen der beiden Länder heraus. Während sich in den USA das ganze Thema entlang des politischen Grabens zwischen links (Demokraten) und rechts (Republikanern abspielt), ist die Situation in UK anders: der Widerstand gegen die Durchsetzung der Transideologie auf gesellschaftlicher Ebene kam sowohl aus der Psychotherapie (Tavistock), der Publizistik (Hannah Barnes Buch „Time to think“ und Helen Joyce`Buch „Trans: When Ideologe Meets Reality“ und Kathleen Stock „Material Girls“ , sowie von Feministinnen, die auf legistischer Ebene Klarstellungen im Sinne von „Sex Realismus“ erreichten – in zivilgesellschaftlichen Organisationen wie „Sex Matters“ oder „Women UK“. Nicht umsonst ist selbstironisch von „Terf Island“ die Rede (TERF: Schimpfwort für „trans exclusionary radikal feminist“; inzwischen zum Ehrentitel avanciert).
In dem „Schluss“ betitelten letzten Kapitel versucht der Autor einen an seinen früheren Arbeiten zu „Identität“ als Analysekategorie anknüpfenden analytischen Überblick über die verworrene Situation. Das ist eigentlich – finde ich – der produktivste Teil des Buches (der aber ohne die materialreichen und detaillierten Vorkapitel ein wenig in der Luft hängen würde).
Er unterscheidet starke und schwache Definitionen oder Auffassungen von sozialen Kategorien. Eine starke Auffassung war das medizinisch pathologische Verständnis von Transsexualität, wie es bis in die 90er Jahren vorherrschend war: Transsexualität ist zeitinvariant und eine Störung der Geschlechtsentwicklung. Das damit verbundene – oft gravierende – Leiden kann mit medizinischen Maßnahmen gelindert oder sogar beseitigt werden. Es ist eine seltene Störung, die so gut wie nur Männer betrifft. Sie beansprucht also keine Allgemeingültigkeit.
Dagegen steht die weiche Definition der „Geschlechtsidentität“, die die Universalität der Kategorie voraussetzt – das Konzept G-I macht nur Sinn, wenn es für alle Menschen zutrifft. Dem ist aber natürlich nicht so – die meisten Menschen machen keinen Unterschied zwischen ihrer Physis und ihrem Selbstempfinden, man ist Frau oder Mann und fertig. Die Definition von G-I sind dementsprechend vage, zirkulär und weich, indem sie auf das innere Gefühl, Verständnis oder Empfinden abzielen, das aber naturgemäß keinen allgemeingültigen Bezugspunkt haben kann, außer in der Behauptung selbst.
Starke Definitionen der G-I geben also einen prädiskursiven, wenn man so will, materiellen Bezugspunkt für die Definition an, der unabhängig von kulturellen und sozialen Einflüssen existiert. Schwache Definitionen können dies nicht leisten.
Hier liegt der Knackpunkt: da die schwachen Definitionen die Idee des unveränderlichen körperlichen Selbst aufgegeben haben, bleibt nur noch der kulturell soziale Bezugsrahmen übrig, der die G-I formt. Das ist ja tatsächlich über die vielen sozialen Mechanismen und online Communities (und sozialen und politischen Interessengruppen) der Fall, auch wenn die Vertreter der Trans-Ideologie das hartnäckig leugnen. Die Verleugnung dieser einfachen Tatsache der „sozialen Ansteckung“ ist zwar als „strategischer Essentialismus“ verstehbar (S. 141), aber wohl soziologisch und theoretisch sehr gut nachvollziehbar widerlegt.
„Das Spannungsverhältnis zwischen starken und schwachen Auffassungen von G-I – erste zu stark, um allgemein anwendbar zu sein, letztere (…) zu schwach, um eine Begründung für die Ausstattung der Kategorie mit Rechten zu liefern – kann somit erklären, warum das auf G-I aufgebaute medizinische, rechtliche, administrative, organisatorische, statistische und pädagogische Gebäude auf einem offenbar zunehmend instabilen Fundament ruht.“ (S. 143)
Mein Fazit: Die soziologische Untersuchung erspart sich die Erklärung der Genese dieses Selbstbestimmungstriumphes, den die Trans- und Gender-ideologie über die westliche Welt gebracht hat. Das ist bedauerlich. Was das Buch allerdings gut erklärt, sind die Bewegungen und Gegenbewegungen in den Auseinandersetzungen um G-I und Selbstbestimmung als modernem Shibboleth der westlichen Welt. Auch die Unterscheidung zwischen schwachen und starken Definitionen finde ich nützlich für eine um Übersicht bemühten Darstellung der ja politisch, sozial, pädagogisch, gesetzgeberisch und medizinisch verfahrenen Situation.
BR, 26.7.2026
